Theory of Mind

Der Schwerpunkt des Interesses bei Autismus liegt heute (1990er Jahre bis heute) nicht mehr so sehr auf den Verhaltensweisen der Personen, sondern auf den zugrunde liegenden Ursachen und der Frage, warum sie bei autistischen Kindern und Erwachsenen auftreten (vgl. Dodd, S. 4). So steht heute die soziale Natur der zentralen Behinderungen im Hauptfocus, weshalb die Forschungen sich mit Störungen der Theory of Mind und mit Problemen bei der gemeinsam geteilten Aufmerksamkeit (joint attention; Baron-Cohen 1995) befassen.

Bei der Theory of Mind handelt es sich um die Fähigkeit, mentale Zustände anderer Personen zu erkennen (ihre Gedanken, Wünsche, Bedürfnisse, Absichten, was sie glauben könnten etc.) und dies zu nutzen, um zu verstehen, was sie sagen. Durch dieses „Hineinversetzen“ wäre man in der Lage, ihrem Verhalten einen Sinn zu geben oder voraus zu sehen, was sie als nächstes tun werden (vgl. Schirmer, 2006, S. 125). Die „Theory of Mind“ wird auch „Theorie der psychischen Welt“, Gedanken lesen (mind reading), Alltagspsychologie oder „intuitive Psychologie“ genannt. Der Begriff wurde geprägt aufgrund der Tatsache, dass mentale Zustände nicht sichtbar sind und deshalb Mutmaßungen unterliegen.

Autisten können keine „Gedanken lesen“. Betroffene mit einer ASS sind i.d.R. „gedankenblind“; sie glauben, andere Menschen denken und fühlen genau das Gleiche wie sie selbst. Sie erkennen nicht, dass sich Menschen in ihren Gedanken, Überzeugungen, Wünschen, die ihr Verhalten beeinflussen, unterscheiden. Das Konzept der Theory of Mind geht davon aus, dass Autisten keine Fähigkeiten entwickeln, über die Gedanken anderer nachzudenken, so dass ihre sozialen, kommunikativen und imaginativen Fähigkeiten beeinträchtigt sind (Happe 1994, in: Dodd, 2007, S. 6).

Er nimmt sich selbst nicht als soziales Wesen wahr

„Ob der Autist hochintelligent oder geistig behindert ist, er kann in keinem Fall seine Phantasie nutzen, um zu verstehen, dass andere Menschen Dinge anders erleben. Er kann nicht vernünftig kommunizieren, weil er nicht weiß, was kommuniziert werden muss. Er kann nicht sozial interagieren, weil er sich selbst nicht als soziales Wesen wahrnimmt. Im praktischen Leben bringt dieses Fehlen einer Theorie des Mentalen viele Frustrationen für den Autisten wie für seine Angehörigen mit sich. „Will haben, will haben“, ruft das Kind. Es weiß nicht, dass es der Mutter sagen muss, was es haben will. Ein Kind schneidet sich auf dem Pausenhof tief in die Hand. Es sagt nichts zur Pausenaufsicht. Es kann nicht ahnen, dass diese nicht weiß, was passiert ist, bis das Kind es ihr sagt.“ (Charlotte Moore, 2004, S. 83 in: Schirmer,Elternleitfaden Autismus, 2007, S. 127)

Eine mangelhaft entwickelte Theory of Mind kann Auswirkungen auf folgende Fähigkeiten haben:

  • Kommunikation
  • Empathie
  • soziales Verhalten zu verstehen
  • andere Menschen zu täuschen
  • Selbstreflektion
  • die Gedanken und Annahmen einer anderen Person durch die Informationen, die man ihnen gibt, zu beeinflussen
  • die Gefühle anderer Menschen zu verstehen
  • in das eigene Tun einzubeziehen, was andere Menschen wissen
  • Freundschaften knüpfen, indem man die Absichen anderer Menschen versteht und auf ihre Absichten eingeht
  • das Interesse des Hörers an der eigenen Rede einzuschätzen
  • vorwegzunehmen, was andere von der eigenen Handlung halten könnten
  • Missverständnisse zu verstehen
  • die Gründe hinter dem Verhalten anderer Menschen zu verstehen
  • die ungeschriebenen Sozialregeln zu verstehen

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