Wahrnehmungsstörungen / Sensorische Beeinträchtigungen / Funktionsstörungen
„Unsere Sinne geben uns die Informationen, die wir brauchen, um in der Welt zu funktionieren.“ Kranowitz 1998, s.38
Unsere Wahrnehmung ermöglicht uns, in verschiedenen Situationen auf angemessene Weise zu reagieren. Wir nehmen Informationen mit unseren Sinnen auf, integrieren diese und reagieren darauf ohne bewusste Überlegung. Jeder reagiert auf sensorische Informationen anders, das Beispiel „Geschmack“ zeigt uns, dass es keine absolute Norm gibt, die festlegt, was „richtige“ und „falsche“ Wahrnehmung ist, doch kann man davon ausgehen, dass die meisten Menschen auf bestimmte Reize in einer ähnlichen Weise reagieren. Unsere Wahrnehmung ermöglicht uns ein „Funktionieren“ in der Gesellschaft. Sind die Abweichungen aber so groß und gravierend, dass es dem Menschen nicht möglich ist, sich in seiner Umwelt zu orientieren und dort angemessen zu handeln, kann man von einer gestörten Wahrnehmung sprechen. Viele Beobachtungen deuten darauf hin , dass eine gestörte Wahrnehmung eine zentrale Rolle für das Verständnis von Austismus-Spektrums-Störungen spielt. Aufgrund von Informationen Betroffener (Biographien, sehr genaue Selbstbeobachtungen – und Analysen) sind wir heute glücklicherweise in der Lage, ein größeres Verständnis für autistische Handlungsweisen zu entwickeln.
Menschen mit ASS zeigen in ihrer Wahrnehmung trotz intakter Sinnesorgane sowohl quantitative als auch qualitative Besonderheiten (vgl. B. Schirmer, Elternleitfaden Autismus, S. 44). Sensorische Beeinträchtigungen gehören auch zu den Merkmalen, die im DSM-IV mit Autismus verbunden werden und gelten mit als größte Probleme autistischer Menschen. Die Betroffenen können in den einzelnen Sinnessystemen sowohl Unter- als auch Überempfindlichkeiten aufweisen. Selbst innerhalb eines Sinnessystems kann es vorkommen, dass bestimmte Reize schlecht verarbeitet werden, während andere normal oder zu stark verarbeitet werden.
Menschliche Sinnessysteme
Visuelle Wahrnehmung:
„Ein kleiner Junge, der sehen konnte, aber nichts zu sehen schien […] Manchen Dingen gegenüber war er blind und behielt sein Starren bei, andere nahm re schnell und voll Interesse war. Eines Morgens bewegte ich meine flache Hand schnell vor seinen Augen hin und her; er zuckte nicht einmal mit den Liedern.“ (Kaufmann, 1993, S. 80 f.)
Sinnesart: Sehen Sinnesorgan: Augen Reiz-Auslöser Helligkeit, Farben, Kontrast, Muster, Form, Bewegung und Räumlichkeit Besonderheiten: Blendungsempfindlichkeit („Das Papier ist zu hell.“), Filterschwäche („auf Bildern fehlt die Ordnung“; „Chaos“), Verzerrungen (Metamorphosie), peripheres Sehen (Blick aus den Augenwinkeln), gute visuelle Merkfähigkeit
Auditive Wahrnehmung:
„Als ich klein war, waren auch laute Geräuche ein Problem. Sie fühlten sich oft an, als träfe der Bohrer eines Zahnarztes auf einen Nerv. Sie veruasachten tatsächlich Schmerzen. Platzende Ballons erschreckten mich zu Tode, weil sich das Geräusch in meinen Ohren wie eine Detonation anhörte. […] Als ich im College war, klang der Haartrockner meiner Zimmerkollegin wie ein startender Düsenjet.“ (Grandin, 1997, S. 82)
Sinnesart: Hören Sinnesorgan: Ohren Reizauslöser: Geräusche, Töne und Klänge, Richtungshören Besonderheiten: Überempfindlichkeit gegenüber Geräuschen, selektives Hören, Abschalten, Filterschwäche, Verzerrungen, Interpretationsprobleme („Wenn die Muttersprache wie eine Fremdsprache klingt.“), gute auditive Merkfähigkeit
Taktile Wahrnehmung:
„So lernte ich, jeden Morgen wie ein Felsklotz ihre Umarmung zu ertragen. Ich sagte ihr, dass es mir wehtäte, wenn sie mich umarmte, und dass es sich anfühlen würde, als würde mich jemand verbrennen.“ (Williams, 1994,S.107)
Sinnesart: Tasten, Fühlen Sinnesorgan: Hautoberfläche Reizauslöser: Berührungen, Temperatur, Vibration, Körperhaltung Besonderheiten: Überempfindlichkeit gegenüber Berührungen („wenn das Haare bürsten weh tut…“, „wenn einzelen Wassertropfen Schmerzen bereiten…“), Auswirkung auf das Tragen von Kleidung (Kleidung am Körper wird nicht ertragen), Auswirkung auf die Ernährung (Überempfindlichkeit im Bereich des Mundes / der Zähne; feste Bestandteile werden vermieden), mangelndes Schmerz- und Berührungsempfinden, wenig Hungergefühle und Harndrang
Vestibuläre Wahrnehmung:
Sinnesart: Gleichgewicht Sinnesorgan: Gleichgewichtsorgan im Innenohr Reizauslöser: Lageveränderungen, Kontrolle von Bewegungen, Geleichgewicht zusammen mit Augen und Muskeln Besonderheiten: Probleme im Alltagsleben (Betroffene wirken oft unkoodiniert und unfähig, Aufgaben zu erfüllen, bei denen Sequenzieren und Timing eine Rolle spielen)
Olfaktorische Wahrnehmung:
„Hunde und Katzen. Und Gerüche wie Deodorants und Aftershave; sie riechen so stark, das ich es nicht aushalten kann, und Parfüm treibt mich zum Wahnsinn. Ich kann nicht verstehen, warum Leute sich parfümieren, und Handcreme kann ich noch im Zimmer nebenan riechen.“ (Stehli, 1992, S. 226)
Sinnesart: Geruch Sinnesorgan: Nase Reiz-Auslöser: Riech-und Duftstoffe Besonderheiten: Überempfindlichkeit gegenüber bestimmten Gerüchen
Gustatorische Wahrnehmung
“[…] häufig ist eine besondere Vorliebe für stark saure oder gewürzte Speisen, wie Gurken, geröstetes Fleisch.“ (Asperger, 1944, S. 124 f.)
Sinnesart: Geschmack Sinnesorgan: Mund, Zunge Reiz-Auslöser: chemische Qualität von Nahrung Besonderheiten: auf der Suche nach starken Geschmacksreizen; Pica (das Essen ungenießbarer Materialien)
Körpereigene Wahrnehmung oder der propriozeptive Sinn
„Ich wickelte mich in Decken ein und kroch unter die Sofakissen, weil der Druck für mich etwas Entspannendes hatte. Ich verbrachte Stunden in der Grundschule mit Tagträumen, in denen ich eine Apparatur erfand, die genug Druck auf meinen Körper ausüben würde.“ (Temple Grandin, „Thinking in Pictures“, 1996, S. 62)
„Propriozeption ist die bewusste und unbewusste Wahrnehmung der Körperposition und Körperbewegung. Das propriozeptive System bezieht sich auf jene Teile der Muskeln, Gelenke und Sehnen, die einer Person ein Gefühl für ihren Körper vermitteln. Porpriozeption ist die Stuimulation der sensorischen Rezeptoren in den Gelenken und Muskeln. Sie leistet einen Beitrag zur Körperwahrnehmung, zur motorischen Panung und Kontrolle. […] Informationen aus Gelenken, Muskeln und Sehnen hilft, die Körperposition anzupassen, so das […] Bewegungen mit dem richtigen Aufwand an Kraft durchgeführt werden können.“ (vgl. Susan Dodd, Autismus, Was Eltern und Betreuer wissen müssen, Spektrum, 2007, S. 139) So ist die Propriozeption sowohl für die Grob- als auch für die Feinmotorik zuständig.
Autistische Menschen können die Informationen aus ihren Muskeln, Sehnen, Gelenken, Bändern und dem Bindegewebe oft nicht richtig empfangen oder verarbeiten. Sie besitzen in diesem Zusammenhang nur eine schwache körpereigene Wahrnehmung, so dass dadurch nicht nur die Körperposition und – Bewegung, sondern auch Koordination, motorische Planung, Haltung, Gelichgewicht und Selbstvertrauen beeinträchtigt sind. I.d.R. gehen mit einer schwachen körpereigenen Wahrnehmung taktile und / oder Gleichgewichtsprobleme einher. Mögliche Indizien für eine Funktionsstörung der körpereigenen Wahrnehmung:
- steife und unkoordinierte Bewegungen
- Ungeschicklichkeit; Neigung, an Dinge (Ecken, Kanten, Türrahmen ö.ä.) anzustoßen oder diese umzustoßen
- Verlangen / Bedürfnis nach festem Druck gegen den Körper (kräftige Umarmungen, in Decken einwickeln, Aufsuchen enger Räume und Nischen)
- Probleme beim Treppen steigen, sich hin zu setzen
- Probleme beim Schreiben / Zeichnen (nicht wissen, wie stark man mit dem Stift aufdrücken muss)