Wenn wir heute vom „Autismus“ sprechen, sprechen wir von der sogenannten „Autismus-Spektrums-Störung“, oder aber (abgekürzt) dem sogenannten „ASS-Modell“. Autismus ist eine schwere Kontakt- und Beziehungsstörung und kann ein ganzes Kontinuum unterschiedlicher Symptome und Ausprägungen beinhalten, so dass die Bezeichnung „Autismusspektrumsstörung“ (ASS) die variable Bandbreite am Treffendsten beschreibt. Ist die Diagnose noch unklar, die Ärzte sich nicht ganz sicher, weil die Kinder evt. noch sehr jung sind, wird häufig auch von einer „tiefgreifenden Entwicklungsstörung aus dem autistischen Formenkreis“ gesprochen. Man unterscheidet verschiedene Formen von Autismus, basierend auf IQ-Werten, Schwere – und Ausprägungsgrad der Symptome, Zeitpunkt der Diagnosestellung etc.
Im Folgenden sollen die unterschiedlichen Formen von Autismus kurz dargestellt werden:
Frühkindlicher Autismus
oder auch „Kanner-Autismus“ genannt (nach Leo Kanner, Jugendpsychiater USA, der erstmals bei einem Patienten eine Unfähigkeit zum Herstellen sozialer Bezüge feststellte; Kanners Darstellung des frühkindlichen Autismus ist in den Grundzügen bis zum heutigen Tage gültig geblieben), der meist noch vor dem 3. Lebensjahr festgestellt wird. Der IQ liegt hier bei einem Wert zwischen 0 bis 75, oft im Bereich einer geistigen Behinderung. Erste Auffälligkeiten können bereits ab dem 10. bis 12. Lebensmonat festgestellt werden. Der Blickkontakt der Kinder ist selten und flüchtig; in der Hälfte der Fälle wurde keine Sprache entwickelt. Ansonsten ist eine verzögerte Entwicklung der Sprache festzustellen, wobei diese oft „einseitig“ wirkt und geprägt ist von Echolalie, Schwierigkeiten mit „ich und du“, „hier und da“ etc. Der frühkindliche Autismus wird hauptsächlich kategorisiert als geistige Behinderung (low-functioning-Autismus) mit teilweise normaler bis hoher Intelligenz im Sinne von sogenannten „Inselbegabungen“ (high-functioning-Autismus).
High-functioning-Autismus
Menschen mit „hochfunktionalem Autismus“ besitzen mindestens eine durchschnittliche Intelligenz, gute kognitive Funktionen und gute verbale Fähigkeiten. Viele von ihnen haben in ihrer Kindheit oft die Diagnose „frühkindlicher Autismus“ erhalten, tendieren im Laufe ihrer Entwicklung aber mehr zu einem „Asperger Autismus“. Sie besitzen besondere „Inselbegabungen“ (z. B. musikalisches Gehör, fotografisches Gedächtnis etc.).
Atypischer Autismus
Der Begriff des „atypischen Autismus“ wird in der Literatur uneinheitlich definiert. Meist entspricht er der Diagnose „nicht näher bezeichnete, tiefgreifende Entwicklungsstörung“. Diese Diagnose wird (auch) dann vergeben, wenn nicht alle drei Diagnosekriterien (→ „Triade der Beeinträchtigungen“) vorliegen, autistische Verhaltensweisen aber vorhanden sind.
Asperger Syndrom
Das Asperger Syndrom (AS) wurde nach dem Österreicher Hans Asperger benannt. Dieser publizierte erstmals 1944 eine Störung dieser Art, die sich in beeinträchtigten kommunikativen und sozialen Fähigkeiten darstellte, in mangelnder Empathie, einem einseitigen Gesprächsverhalten etc. In der Regel liegt bei den Betroffenen eine normale bis überdurchschnittliche Intelligenz vor. Viele Asperger Autisten weisen sogenannte Inselbegabungen auf. In einem abgegrenzten einzelnen Fach, einer Insel, kann eine herausragende Leistungsfähigkeit vorliegen. Es handelt sich um „eine isolierte Gabe inmitten von Defekten“ (Douwe Draaisma, 2006). Die Diagnose wird oft sehr viel später gestellt, meist erst ab dem 3. Lebensjahr, manchmal aber auch erst im Schul- oder Erwachsenenalter. Menschen mit AS sind am wenigsten „auffällig“. Vielen gelingt es – mittels ihrer gelernten kognitiven Fähigkeiten – nach aussen hin eine Fassade aufrecht erhalten, so dass ihre Probleme auf den ersten Blick nicht unbedingt sichtbar sind. Sie durchlaufen keine abnorme Sprach – oder kognitive Entwicklung, dennoch erscheint ihre Art der Kommunikation „besonders“: sie artikulieren oft übergenau, verwenden unübliche sprachliche Wendungen, reden besonders lang über ihre eigenen Themen, die sie interessieren, ohne dabei Rücksicht auf den Zuhörer zu nehmen.
Die Triade von Beeinträchtigungen
(oder: “Autistische Triade” etc.)
Damit die Diagnose einer ASS gestellt wird, müssen – abgesehen vom „atypischen Autismus“ – Kriterien / Auffälligkeiten aus allen folgenden drei Bereichen vorhanden sein
1. Soziale Interaktion
2. Kommunikation
3. Stereotype / ritualisierte Verhaltensmuster
1. Soziale Interaktion
“Soziale Kompetenz zeigt sich in der Fähigkeit, sich auf soziale Situationen und soziale Interaktionen einzustellen und sich an sie anzupassen. Anders als die kognitive und sprachliche Entwicklung, die auf Regeln basiert, unterliegt die soziale Entwicklung einem ständigen Wandel.” (Quill, 2000)
- z. B. fehlende Kontaktaufnahme zu den Eltern in den ersten Lebensmonaten
- kein soziales Lächeln
- kein angemessener Blickkontakt
- wenig Mimik und Körpersprache
- Rückzugsverhalten
- starke Objektbezogenheit
- keine Imitation, kein kreatives Spiel
- eingeschränktes Verhaltensrepertoire
- eingeschränktes Bedürfnis, mit anderen Menschen Kontakt aufzunehmen / Beziehungen einzugehen
- mangelnde Empathie
- soziale Regeln müssen kognitiv gelernt / sich angeeignet werden
- Schwierigkeiten Gefühle zu benennen und auszudrücken
2. Kommunikation
„Kommunikation ist ein wechselseitiger, dynamischer Prozess. Mit ihm werden soziales Wissen, Beziehungen und Ich-Bewusstsein vorangetrieben. Ein effektiver Kommunikator hat eine (…) Motivation zu interagieren, etwas auszudrücken und verfügt über ein instrumentelles Kommunikationsmittel.“ (Quill, 2000)
- etwas jedes zweite Kind mit (frühkindlichem) Autismus entwickelt keine Lautsprache; oftmals verzögerte Lautsprache
- Echolalie
- Vertauschen von Pronomina („ich“ und „du“)
- Schwierigkeiten mit „ja“ und „nein“
- Ironie / Redewendungen werden nicht verstanden
- Gesagtes über die genaue Wortbedeutung zu verstehen fällt schwer („zwischen den Zeilen lesen“)
- Wortneuschöpfungen
- Kommunikationsregeln: „Welchen Abstand halte ich zu anderen?“, Wie macht man sich in einer größeren Gesprächsrunde bemerkbar?, „Woran erkenne ich, dass jemand anders etwas sagen möchte?“, „Wie beginne ich ein Gespräch?“ etc.
- Menschen mit Autismus verfügen nicht oder nicht umfassend über intuitives soziales Wissen
- Defizite auch im Verständnis der nonverbalen Kommunikation – Mimik und Körpersprache
- Menschen mit ASS haben selbst wenig Mimik und Gestik
- das Bedürfnis nach Körperkontakt ist bei Autisten unterschiedlich ausgeprägt (changiert zwischen „gar nicht, direkt, sozial unangemessen und distanzlos“)
Ein Beispiel:
„Wie beginne ich ein Gespräch?“
Ein neunjähriges Mädchen mit Asperger-Syndrom, Schülerin in einer Grundschule, beklagt sich, dass sie keine Freunde finde. „Niemand will mit mir spielen“, sagt sie. Daraufhin wird sie in der Hofpause beobachtet. Sie nähert sich einem gleichaltrigen Kind und spricht es an: „Wir haben Eier im Kühlschrank“, sagt sie zu dem Mädchen. „Mmmh“, antwortet dieses unsicher und wendet sich ab. „Siehst Du!“, sagt das Mädchen, „Keiner will mit mir spielen!“ „Warum hast Du das mit den Eiern gesagt?“, fragt der Beobachter. „Alle reden am Anfang etwas Unwichtiges“, sagt sie. Das war gut beobachtet von ihr. Dennoch war ihre Frage nicht geeignet, um mit der Gleichaltrigen ein Spiel zu beginnen. Woher wissen wir, was in solchen Situationen genau das richtige „Unwichtige“ ist? Und warum war ihre Aussage eigentlich falsch? Warum entlockt sie uns ein Lächeln, was genau stimmt nicht mit dieser Aussage? (Schirmer, 2006).
3. Stereotype / ritualisierte Verhaltensmuster
„Diese Verhaltensweise steht ganz oben auf der Liste von Problemen, die den Eltern am meisten Kopfzerbrechen und Sorge bereiten. Wenn damit nicht richtig umgegangen wird, kann das Beharren des Kindes auf einer gleichbleibenden Alltagsroutine das Leben der ganzen Familie beherrschen.“ (Wing 1996, S. 99)
- eingeschränkte, starre und repetitive Verhaltensmuster oder Interessen
- obsessive Beschäftigung mit nur einem Gegenstand oder Thema
- krampfhaftes Festhalten an (funktionslosen) Routinen; Bestehen auf Gleichförmigkeit
- abnorme Bindung an Objekte
- motorische Stereotypien
- zwanghafte Rituale, verbunden mit Angst vor jeder Abänderung / Veränderung
Viele Kinder mit ASS haben ein starkes Bedürfnis nach Aufrechterhaltung einer unveränderten Umgebung und / oder eines immer gleichenTagesablaufs. Manche Kinder wollen z. B. immer den gleichen Weg von der Schule nach Hause gehen, andere bestehen darauf, dass die Vasen im Wohnzimmer auf exakt derselben Stelle stehen, wieder andere essen immer zu einer bestimmten Uhrzeit. Kommt es zu Abweichungen, geraten sie außer sich, einige weinen, toben und schreien. In jedem Fall belastet es die Eltern sehr und schränkt sie hinsichtlich eines spontaten Familienlebens häufig ein (→ Brita Schirmer; Elternleitfaden Autismus, Trias).
„In mir regt sich ein ungeheurer Widerstand“
„Gegessen wird zu Hause immer am selben Platz und nie an einem anderen. Von demselben Teller und von keinem anderen. Und vor allem darf von deinem Teller kein Dampf aufsteigen. Weshalb ich genötigt bin, dir deine Mahlzeiten fast kalt zu servieren. Ich darf nur links an dir vorbeigehen und niemals rechts. Auf der Treppe müssen wir immer denselben Fuß zuerst aufsetzen und auf der dritten Stufe stehen bleiben. Wenn ich dir aus einem Buch vorlese, muss ich es im selben Zimmer tun, wir müssen dabei immer im selben Sessel sitzen und lange dasselbe Bild auf derselben Seite betrachten. Ich spüre, wie sich in mir ein ungeheurer Widerstand regt und ich meine Fröhlichkeit verliere.“ Lefévre, 1997, S. 51 f.
Beispiele für Stereotypien: Gegenstände kreiseln, mit Händen wedeln, unentwegt Wasser in eine Schüssel gießen wollen, Türe immer wieder auf und zu machen, mit Bändern wedeln, an Rädern drehen, etc.
Funktion von Stereotypien: Manchmal kommunikative Funktion (Signalisieren von Unter – oder Überforderung); Selbststiumulation, Erregungsniveau regulieren, Verschaffung von Entlastung und Beruhigung, „Tagträumen“, Entspannung, Freude zum Ausdruck bringen, etc.
Nachteile von Stereotypien: Das Kind / der/die Betroffene macht in dieser Zeit keine neuen Erfahrungen; währenddessen wenig ansprechbar, völlig versunken, wie taub, sozial unangemessen, auffällig (Öffentlichkeit)
Der Schwerpunkt des Interesses bei Autismus liegt heute (1990er Jahre bis heute) nicht mehr so sehr auf den Verhaltensweisen der Personen, sondern auf den zugrunde liegenden Ursachen und der Frage, warum sie bei autistischen Kindern und Erwachsenen auftreten (vgl. Dodd, S. 4). So steht heute die soziale Natur der zentralen Behinderungen im Hauptfocus, weshalb die Forschungen sich mit Störungen der Theory of Mind und mit Problemen bei der gemeinsam geteilten Aufmerksamkeit (joint attention; Baron-Cohen 1995) befassen.
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